Literarische Berichte aus Ungarn 1. (Budapest, 1877)

2. szám - II. Koloman Szily: Unsere Thätigkeit auf dem Gebiete der Naturwissenschaften im letzten Jahrzehnt

NATURWISSENSCHAFTEN IM LETZTEN JAHRZEHNT. 197 Unser erwähntes Zurückbleiben hat sich nicht so sehr im Man­gel an hervorragenden Männern der Wissenschaft, als vielmehr im Fehlen des wissenschaftlichen hehens geäussert. Zu allen Zeiten gab es berühmte Naturforscher, deren Geburtsland Ungarn war. Wir wollen nur einige der älteren erwähnen, so Augustinus ab Hortis (1596-1650), den ersten Begründer und Inspector des kaiserlichen botanischen Gartens in Wien; die beiden grossen Mathematiker Wolfgang Bólyai (1775-1856) und dessen Sohn Johann (1802-1860); Born (1742-1791), den Ordner und Beschrei­ber des kaiserlichen Naturalienkabinets in Wien; Boskovich (1711-1787), den grossen Physiker und Philosophen; Hell (1720-1792), den Director der Wiener Sternwarte; Kitaibel (1757-1818), den weltbekannten Botaniker; Meissner (1778-1864), den Professor der technischen Chemie am Wiener Polytechnikum und Erfinder der nach ihm benannten Oefen; Segner (1704-1777), den berühmten Physiker von Göttingen und Halle; die beiden Zach, Anton (1747-1826) und Franz (1754-1832), beide wohl­­bekannte Namen, der eine auf dem Gebiete der Topographie, der andere auf demjenigen der Astronomie. Diese Männer wurden auf dem ungarischen Krongebiete geboren, den Kreis ihres Wirkens aber fanden sie nicht daheim, sondern im Auslande, insbesondere in Oesterreich und Deutschland. Und eben der Umstand, dass unsere Capacitäten früherer Zeiten noch in ihrer Jugend oder im besten Mannesalter ihre Heimat verhessen, beweist am klarsten, dass ihr Streben daheim keine Unterstützung, ihr Wirken keinen Spielraum fand, mit einem Worte, dass sie in ihrem Vaterlande kein wissenschaftliches Leben leben konnten. In Ungarn hat eben, wenigstens was die Naturwissenschaften anbelangt, bis zur Grün­dung der ungarischen Akademie ein wissenschaftliches Leben nicht existirt. Und leider war 1830, als die ungarische gelehrte Gesellschaft gegründet wurde, die politische und sociale Lage unseres Vater­landes eine so ungünstige, der nationale Gemeingeist, wiewohl bereits im Erwachen, noch so schwach, oder dort, wo er sich kräftiger äusserte, bezüglich der europäischen Angelegenheiten so

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