Oedenburger Zeitung, 1879. September (Jahrgang 12, nr. 106-117)

1879-09-03 / nr. 106

BEN N NN Jeuillelon. „Der lange Schorid.” Bon Albert Frankl. (Fortfegung.) Monate waren vergangen. Schorih und Leni fa­­en wieder nachdenfend beifammen, bevechnend, wo fie das Geld hernehmen follten, um morgen einen harten Släubiger, dem fie fih mit Haus und Hof verjäries ven, zu befriedigen. Die Zeiten waren jhlecht gewefen, die allgemeine Krife hatte au die beiden Alten nicht unberührt gelaffen und Michel hatte auh das Seine gethan. — „IK find’ Kein’ Ausweg, Leni, ih mag den Kopf anftrengen wie ih wil| — mir find ruinirte Leut’ 1“ — „Aber das Geld, das wir —" „hat aud) fein’ Abnehmer g’funden. Heut’, wo’8 fhon alles Eins ift, fannft Du’s wiffen. Was mir die fhlehten Zeiten nicht - g’nommen haben, das hat Dein Bub, der Micel g’uommen !" — SeinBlif wurde unruhiger und ein leifes Zittern durchbebte den ftarfen Körper. „„reilic, id hätt’ damals furzen Prozeß machen können," jagte er düfter vor fih Hin, ich hätt’ janichts z'thun braudt, als den Brief, den ih da bei mir trag’, beim G’richt zu de­­poniren, na, und Mordbrenner, die weiß tas G’rihtihon finden!” „Er wird doch nicht ! der Michel!’ „‚Sreilic hat er wollen! Weißt Leni, was er wollen hat? — Aber Du mußt wegfhauen — der Doktor hat’8 zwar verboten — aber Du muft’8 dod endlich wiffen, damit — Der Michel hat uns wollen den rothen Hahn aufs Dad jegen und wenn das mod nicht g’nug ift, jo — erjpar’ mir ’8 Weitere — ich werd’ felbft voth dabei! — Na und jeßt weißt, we ’8 Geld ift! — Uber ich weiß nit, wo morgen Eins hernehmen! Die Leut’ auf der Welt jhau’n mir gar nicht darnad aus, als ob j’ ein Erbarmen fennten! — Der fon gar nicht, der mor­­gen fommen wird! — „Geh’ jlafen, Leni," fagte er plöglid, „ih komm’ bald zurüd!“ und damit war er bei der Thüre draußen, — Auf dem Wege zu dem Manne, derihn morgen an den Bettelftab bringen konnte, ließ er nit Gnade für fein Necht ergehen, begegnete er einer, aus einem Wirthshaufe fommenden, luftigen Gefellihaft ; der Lu­­jtigfte darunter war — Midel. „Was, Freunderl,“ lallte er, „ih bin halt ein fideles Haus! Alleweil fidel, fivel! So lang der verfligte Kerl, mein Alter, hergibt, geht’S ung Allen gut! Und er gibt fhon noch die paar Sahrl, die er’s noch mitmacht, dann g’hört e Alles mir und gar jo lang dauert’ ja nicht mehr !" „Haft Recht Michel, hlehter Bub! haft Net !" murmelte Schorih in fih hinein, in eine Seitengaffe einbiegend, damit jein Sohn in der Unterhaltung nicht gejtört fei. Noch einmal wandte er fih nad ihm um; die erhobene rechte Hand mit dem drohenden Zeigefinger, fchien jagen zu wollen: Michel, Du haft uns alle Zwei am Gemifjen; dann bejchleunigte er jeine Schritte, von Jammer und Herzeleid dazu getrieben. — Zwei Stunden fpäterjaß Shorih an Leni’s Bette. Wehmüthig auf fein fehlafen­­des Weib bHlicend, ließer all’ die Erlebnifje der legten Sahre vor feinem Inneren vorüberziehen. Er erinnerte fih genau der Zeit, wo er zum erften Male den häß­­ligen Karakter Weidels entdedte; er jahihn vor fi ftehn als zwölfjährigen Knaben ; Schorfh Hatte ihm damals eines Kleinen Halsleidens halber das Baden im nahen Bade verboten ; der Junge aber, in dem ihn beinahe abgöttifch Liebenden Stiefvater ftetS nur feinen Feind erblidend,jtand da, mit geröthetem Antlige, die Augen wild volfend, die Hand bewegte fih in der Ta­­‘he, als juche fie dort nah dem Meffer und miteinem „8 ift Schon gut!" ging er nad der Küche, feinem ge­­pregten Zorne dur das Zerjhlagen einiger Teller Luft madend. — Und heute fogar no liebte er den Wichel und wollte er, aus Liebe für ihn, fein jegiges Unglüc auf Rechnung von was immer fegen, es ging nicht, trat der Vater vor dem Menjchen zurüd, jo war Wi­­el allein Derjenige, der Alles verfeuldei hatte. — „Siehit Leni, jegt wär’s gut, wenn’s’d gar nimmer aufwacheft,“ fpradh er vor fi hin, „Du thät’ft von nie mehr wiffen und häft ein’ Fried’; — Ein Seuf­­zer entrang fih der Bruft feines fchlafenden Weibes, Ihmwer athmete fie, und nur um ihre Lippen fdien ein lähelnder, beinahe freudiger Zug zu jhmeben. „Sch werd’ Schlafen gehn,” meinte Schorfh, aus feinem dums­­pfen Hinbrüten erwachend, „heut’ zum legten Mal in mein’ Haus, will ih noch einmal gut ausruhen wenn’s geht! wenn’s geht! Gute Naht Leni, gute Nacht !! — Aber der Schlaf floh ihn. Unruhig fih auffeinem La­­ger wälzend, glaubte ev plöglid, feinen und Michels Namen leife rnfen zu hören. Er richtete fih erfhroden auf, eilte zu Leni, Tam aber gerade noch recht, um ihre treuen Augen für immer fih jhliegen jehen. — — Ob Scherih damals weinte? Wer kann das genau jagen ? Am Morgen ftand er vor feiner Thüre, offen: bar wartend, ob Jemand vorbeiginge. Ein Mäpdden des Nahbars war die Erjte; er rief fie beim Namen, das Kind jah nah ihm, lief aber fchreiend davon, zu Haufe erzählend, der Gaffner Schorfh müßte verrüct geworden fein, wenigjtens d’veinfchauen thäte er jo. Der Nachbar ging mun hinüber; Schorih ftand no dort, till in’S Leere blidend. Den Nachbar, der ihn fragte was c8 gäbe, führte er im’$ Zimmer. „hr habt fan Sohn, Klaus, feid’s froh, da Lebt Euer Weib län­­ger,‘ meinte er, auf Yeni zeigend. „Jelus! Euer Weib it —" ‚Pit Nachbar! Nicht jo laut, fie könnt’ fonft no einmal auffommen, und das will ih nicht! jagte Schurfh, nad dem Kopfe greifend. „Pit Nachbar ! Still! Und jest hätt ih noch eine Bit!’ an Euch: Jh frieg heut, no Gäft’, geht’3 hr für mid auf’s Amt nein und auch gleih zum Pfarrer! „Nicht wahr, Nahbar Maus,‘ begleitete er ihn hinaus, „wir leben jegt in einer fhön’ Zeit! — Aber wenn Euer Weib Euch no ein Klein’s fchenfen follt, nur fein’ Bub’n, Nad­­bar Maust nur kein’ Bub'n!’ — Dann ging er hi­­nein, der Dinge, die da no kommen follten, warten. (Schuß folgt.) p« « J _ Mittwoch, 3. September 1879. DIE-« DasBlatterscheintjedensmikwostj.Jktkiiaquadzonntas. Fräuumarmen-Kreise: FürLoco-Ganzjähtig9fl.,albjährigstfl.50!r«, VierteljährigLsi.25kk-,ionatlichlsL FürAulwäI-ti:Ganijäriglsfl.,Halbiiihrigsfl.,Vier­­teljähtingLAllefürdaclattbestimmtenSendunen,mit Autnamevoansemtemtänumekations-und Jn?ectiont­­geührensindandieReactionportofreieinzusenden. XI Sabrgang. 106. ir. anne aa -Oedenbumer Zeihung, (Bormals „OHedenburger Nadhrichten‘.) Organ für Politik, Handel, Induftrie und Sandwirthfhaft, dann für fociale Intereffen überhaupf. Motto: „Dem Fortichritt zur Ehr? — Bedrücten zur Wehr! — Der Wahrbeit eine Gaffe.” Redaktion: SdminislkatioitzdllcrlamErpcditiom HrabenrundeNicTZC Neugasse Nr. 18, im, Stock. Einzelne Nummern foiten MED Kreuzer. A T -«ZS Sultmtevermittelmhieben-enHafensteinäVogler,Wall­­fismgqsselCWien,Budapei"c.A.O.ppelik,l.,Stubcnmueiz Wien.Heinricl)Schalel,1.Sutgerstrafses,828ie11. Infettionssgpebührg 5kk.filrdieeinspaltige,101r.fürdiezweispaltie,151r.fiic diebreiipaltigeundLukr.filrdiedurchlanfendeetitzeileeP clufive der Stempelgebühr von 30 fr. Bei mehrmaliger Einfhaltung entfprediender Rabatt. Das Morgenroth einer beileren Zeit. Dedenburg, 2. September 1879. Der diesgjährige Erndteausfall ift eine fehwere Kalamität für Ungarn, demu leider ftügt fi die Erxi­­jtenz des weitaus größten Theiles der vaterländifchen Bevölkerung auf die Refultate der Boden-Produftion. Sobald elementare Ereignige die Frucht der Arbeit eines ganzen Jahres zerjtören, hat der Defonom und jelbft der Großgrundbefiger — der Magnat — nicht zureihende Mittel mehr, um dem KHandelsmanne, dem mduftriellen zu verdienen zu geben, verdient Letterer wenig oder nichts, jo faun er feinen Steuerverbindlich­­feiten nicht nahlommen und auf diefe Art ift der finanzielle Nuin des ganzen Staate8 die natürliche Folge von Mißerndten. Diefe Erjdeinung tritt aber nur in jenen Staaten zu Tage, wo — wie eben in Un­­garn — die Agrifultur die Bafis der volfs- und jtaatswirthicaftlihen Situation und mithin-der jemei­­lige Bodenertrag der Gradmeffer des herrihenden Wohl: oder Mifftandes ift. 68 tritt daher, follen wir endlih das Morgenroth einer befjeren Zeit anbrehen fehen, an Ungarn die gebieterifche Pfliht Heran, Mittel um jeden Preis ausfindig zu machen, damit das Reich des heiligen Ste­­fans allgemah unabhängig von den Yauncır des Wetters werde und namentlih, damit e8 jenen mörde­­rifhen Kampf nit mehr zu führen brauche der ihm in der immenfen Konkurrenz Amerikas, in Bezug auf Brodfrühten-Erzeugung erwädjt, ein Kampf der gera­­dezu ausfichtslos ift, die amerikanischen Getreidejchiffe entladen fih einer folhen Mafje von Cerealien auf den europäifhen Märkten, dag Ungarn felbjt infeinen ges jegnentften Jahren nur fehwer fonfuriren Fann. Diefe Thatfahen, die wir hier flüchtig berlihrt haben, find längft nicht blo® im den volfswirthichaftli­­chen Streifen unfers Vaterlandes, fie find allenthalben befannt. Schon feit langer Zeit find die bemeldeten Verhältniffe, vefpektive deren Abhilfe, Gegenftand der erneften Erwägung aller denkenden Köpfe im Lande und nur zu berechtigter Weife hat fih aud jhon wieder­­holt eine oder die andere Bewegung Fund gegeben, die in der Richtung Bahn fi breden wollte, wiear­­tig unfere Arbeitsfraft und intellektuelle Befähigung auszunügen fei, um Ungarn aud noch andere Erwerb$­­quellen zu eröffnen, als diejenigen find, die aus den, von der Pflugfehaar geriffenen Aederfurcen fliegen. Die erwähnten Bewegungen haben vielerlei Be­­ftrebungen zur Folge gehabt, aber zumeift wurden fal­­fhe Bahnen eingefhlagen, weil die richtige Smitiative, die naturgemäß berufene Führerjhaft fehlt. „Der „Beiter Lloyd" hat volljtändig recht, wenn er diesbezüglih Die Negierunmg als den einzigen, rihtigen Pionier bezeihnet. Wen jtünde e8 denn eher zu, voran zu fohreiten, die Richtung zu geben und die Wege zu ebnen ; von wen wäre man mehr berechtigt zu fordern, daß er an die Spike trete, al8 von dent jenigen, der von Staatswegen die Sntereffen der Pro­­duftion und des Verkehrs zu wahren und zu vertreten hat ? und diefe Vertretung fällt dDod der Kegierung anbeim. Leider find wir aber in der beflagenswerthen Lage gerade den Leitern für Ungarns Handel und Kommunifationen, alfo diefe beiden ausjchlaggebenditen Neffortminiftern den begründeten Vorwurf in’8 Ange­­fiht fchleudern zu müffen, das fie bisher fo viel wir gar nichts gethan haben, um Herren der Situation zu bleiben, daß fie in Feiner Frage die mitiative er griffen haben, daß fie die Ereigniffe an fih herantreten Liv- Ben, ohne fih im vorhinein für diefelden in Bereitfchaft zu fegen. Tag um Tag, Monat um Monat vergeht und nichts verlautet von den Mafregeln, welde die Negierung getroffen hat, oder treffen will, um unfere Ge: werde und unfere Spmduftrie zu heben, unferen Ver: fehr, fei e8 des Erportverfehres unferer Rohprodufte nah dem Weften, oder unferer gewerblichen Evzeugnifje nah dem Dften, vor Verationen zu fügen oder zu ev: leichtern. Die Handelspolitif der Meonardie fheint, wie Kaifer Rothbart im Kyfhäufer, eingefhlafen zu fein und erjt wach werben zu follen, wenn einmal die Naben des Unglüds fie umjhwirren werden ; die alten Verträge find erlofhen, wir leben im einem fort­­währenden Provijorium, während defjen Dauer in unferer nädhften Nähe und dem für und wicdtigjten Berfehrsgebiete die grofartigften zollpolitfchen Veränder­­ungen durchgeführt werden und beinahe in allen Staaten des Kontinents die bisher geltenden Handels und Verfehrspringipien den heftigften Erfehütterungen aus­­gejet find. Bei uns, ach ! rührt fich feine Hand. Wer wühte das nicht: der Orient tft unfer natürlides Abfaggebiet, unjere poliijche, intellektuelle Ueberlegenheit, unfere Kapitalskraft, unjere entwidelteren Handels-, Jndnftrie- und Verfehrsverhält­­niffe, der Lauf unferes mädhtigjten Stromes weifen uns auf die Balfan-Haldinfel, und wenn es legitime Necte zur Dfkupivung eines Handelsgebietes: gibt, dann haben wir diefelben auf das Handelögebiet an der untern Donau. Was ift nun im Verlaufe eines Sahres gefchehen ? Trog unferer politifhen Präponde­­vanz, troß ber Unterftügung, die wir den berehtigten Wünfhen der Bölkerfhaften an der untern Donau re Deeune:

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